Wie man einen schlechten Investor erkennt: Gewissheit, Narrative und Red Flags, die man nicht ignorieren sollte
Der Investor, der versucht zu überzeugen, indem er übermäßige Gewissheit über eine Position oder über die Zukunft zeigt, fällt zwangsläufig in eine von zwei Kategorien: Entweder ist er ein enthusiastischer Idiot, der das Risiko nicht versteht, oder ein Betrüger, der es bewusst verschleiert.
Diese Gewissheit ist keine Tugend, sondern ein Warnsignal. Märkte sind keine deterministischen Systeme, und Charts sind keine Kristallkugeln. Intelligentes Investieren besteht nicht darin, die Zukunft vorherzusagen, sondern Unsicherheit anzuerkennen, eine breite Menge plausibler Szenarien für jede Position zu berücksichtigen und das Portfolio so zu strukturieren, dass es möglichst viele davon überlebt.
Aus dieser Perspektive ist der wirklich intelligente Investor zutiefst pessimistisch und vorsichtig: Er geht von der Annahme aus, dass alles schiefgehen kann, und bereitet sich darauf vor. Wenn das Kapital konsistent wächst, dann nicht aufgrund von Optimismus oder prognostischer Treffsicherheit, sondern weil alles vernünftigerweise Mögliche getan wurde, um kein Geld zu verlieren.
Dieser Ansatz führt auch ein klares Validierungskriterium ein. Ein Investor, der kein Betrüger ist, validiert sich nicht durch das, was er sagt, oder durch die Raffinesse seiner Argumente, sondern durch die Ergebnisse, die er erzielt hat, und durch seine Bereitschaft, diese anhand öffentlicher und überprüfbarer Daten offenzulegen. Wenn die Performance nicht überprüft werden kann und nur der Diskurs bleibt, dann handelt es sich nicht um Investieren, sondern um Narrative.
In Übereinstimmung damit wird ein ethischer und vertrauenswürdiger Investor niemals sagen: „Mach es genauso wie ich“. Er wird sagen: „Das ist meine Perspektive; ziehe andere selbst in Betracht und triff deine eigenen Entscheidungen“. Vertrauen wird nicht durch Gewissheit eingefordert, sondern durch Ehrlichkeit über Risiko aufgebaut.
Red Flags zur Erkennung schlechter Investoren
Ausgehend von diesem Rahmen lassen sich eine Reihe klarer Warnsignale identifizieren. Es handelt sich nicht um Meinungen oder moralische Urteile, sondern um beobachtbare Muster, die wiederkehrend bei inkompetenten, verantwortungslosen oder direkt betrügerischen Investoren auftreten.
Eine einzelne Red Flag ist möglicherweise nicht abschließend. Mehrere zusammen ergeben jedoch ein Muster, das schwer zu ignorieren ist. Und hier präsentiere ich alle, die ich identifizieren konnte, damit du dich vor solchen Aasgeiern schützen kannst.
1. Red Flags in Sprache und Kommunikation
- 🚩 Spricht in Begriffen absoluter Gewissheit („es wird passieren“, „es ist sicher“, „es kann nicht scheitern“).
- 🚩 Verwendet deterministische Sprache, um inhärent probabilistische Märkte zu beschreiben.
- 🚩 Verwechselt persönliche Überzeugung mit objektiver Gewissheit.
- 🚩 Verkauft einfache Narrative für komplexe Phänomene.
- 🚩 Verwendet Aussagen wie „diesmal ist es anders“ ohne strukturelle Begründung.
- 🚩 Beruft sich auf persönliche Autorität statt auf Argumente.
- 🚩 Macht sich über negative Szenarien lustig, anstatt sie zu analysieren.
- 🚩 Reagiert feindselig, wenn nach Risiken gefragt wird.
- 🚩 Vermeidet Gespräche über Drawdowns, Verluste oder negative Szenarien.
- 🚩 Spricht deutlich mehr über potenzielle Gewinne als über mögliche Verluste.
- 🚩 Nutzt Fachjargon als Dekoration statt als erklärendes Werkzeug.
- 🚩 Verwechselt Storytelling mit Analyse.
- 🚩 Verspricht emotionale Beruhigung statt strukturelle Resilienz.
2. Red Flags im Risikomanagement
- 🚩 Propagiert All-in-Positionen oder extreme Konzentrationen als Strategie.
- 🚩 Kann nicht erklären, warum eine Position scheitern könnte.
- 🚩 Definiert keine Verlustszenarien vor dem Investieren.
- 🚩 Hat keine klaren Regeln für die Positionsgröße.
- 🚩 Unterscheidet nicht zwischen Risiko und Volatilität.
- 🚩 Verwechselt Diversifikation mit der Anzahl der Assets.
- 🚩 Berücksichtigt keine Korrelationen zwischen Positionen.
- 🚩 Hat keine klaren Ausstiegskriterien.
- 🚩 Passt Regeln nach Verlusten an, um Fehler zu rechtfertigen.
- 🚩 Erhöht das Risiko nach Verlusten, um sich zu „erholen“.
- 🚩 Reduziert Absicherung, wenn alles gut läuft.
- 🚩 Ignoriert Tail-Risiken.
- 🚩 Geht von unbegrenzter Liquidität aus.
- 🚩 Berücksichtigt keine regulatorischen, operativen oder Gegenparteirisiken.
- 🚩 Trifft Entscheidungen auf Basis einer einzigen Variable.
- 🚩 Entwirft Portfolios, die nur in einem einzigen Marktregime funktionieren.
3. Empirische und evidenzbasierte Red Flags
- 🚩 Zeigt keine überprüfbaren historischen Ergebnisse.
- 🚩 Zeigt nur gewinnende Trades.
- 🚩 Versteckt schlechte Phasen durch Änderung der Narrative.
- 🚩 Wechselt den Zeitrahmen, um besser dazustehen.
- 🚩 Passt Ergebnisse nicht um Risiko an.
- 🚩 Verwechselt Bruttorenditen mit realen Renditen.
- 🚩 Unterscheidet nicht zwischen Glück und Fähigkeit.
- 🚩 Lehnt externe Prüfungen oder unabhängige Überprüfungen ab.
- 🚩 Veröffentlicht isolierte Screenshots statt vollständiger Performance-Serien.
- 🚩 Kann sein schlechtestes Jahr nicht erklären.
- 🚩 Löscht alte Inhalte, die ihn schlecht aussehen lassen.
- 🚩 Validiert sich über Follower und Likes statt über Daten.
- 🚩 Ändert die Strategie, ohne dies explizit einzugestehen.
4. Ethische und anreizbezogene Red Flags
- 🚩 Sagt explizit „mach es genauso wie ich“.
- 🚩 Verdient mehr Geld durch Follower als durch Investieren.
- 🚩 Richtet Anreize nicht an denen aus, die ihm folgen.
- 🚩 Verdient Geld unabhängig vom Ergebnis Dritter.
- 🚩 Minimiert die Verantwortung gegenüber seinem Publikum.
- 🚩 Nutzt FOMO als zentrales Werkzeug.
- 🚩 Vermeidet echte Risiko-Disclaimer.
- 🚩 Verkauft „privilegierten“ Zugang, ohne dessen Wert zu erklären.
- 🚩 Monetarisiert Gewissheit.
- 🚩 Rechtfertigt schlechte Praktiken mit „jeder ist selbst verantwortlich“.
- 🚩 Unterscheidet nicht zwischen Bildung und Empfehlung.
- 🚩 Präsentiert Meinungen als Fakten.
5. Psychologische und verhaltensbezogene Red Flags
- 🚩 Verwechselt Selbstwertgefühl mit finanzieller Performance.
- 🚩 Muss öffentlich recht haben.
- 🚩 Gibt Fehler nicht zu.
- 🚩 Ändert Meinungen, ohne dies anzuerkennen.
- 🚩 Verliebt sich in seine Positionen.
- 🚩 Interpretiert Kritik als persönliche Angriffe.
- 🚩 Handelt, um etwas zu beweisen, nicht um zu überleben.
- 🚩 Misst Erfolg an externer Validierung.
- 🚩 Vermeidet es zu sagen „ich weiß es nicht“.
- 🚩 Sucht Adrenalin statt Asymmetrie.
- 🚩 Glaubt, dass Kontrolle und Vorhersage dasselbe sind.
6. Strukturelle und systemische Red Flags
- 🚩 Strategien, die nur in Bullenmärkten funktionieren.
- 🚩 Modelle, die Diskontinuitäten nicht berücksichtigen.
- 🚩 Übermäßige Abhängigkeit von einem einzigen Input.
- 🚩 Nicht explizit gemachte Annahmen.
- 🚩 Fehlendes Stress-Testing.
- 🚩 Unterscheidet nicht zwischen Signal und Rauschen.
- 🚩 Übermäßige Optimierung der Vergangenheit.
- 🚩 Ignoriert Reibungskosten.
- 🚩 Berücksichtigt keine Steuern oder Regulierung.
- 🚩 Geht von permanenter institutioneller Stabilität aus.
- 🚩 Hat keinen Plan für extreme Ereignisse.
- 🚩 Priorisiert nicht das Überleben.
Fazit
Ein schlechter Investor wird nicht dadurch definiert, dass er Geld verliert. Er wird dadurch definiert, dass er nicht versteht, warum er es verlieren kann, sich nicht darauf vorbereitet und, schlimmer noch, andere durch falsche Gewissheit mitreißt.
Wenn Diskurs Evidenz ersetzt und Gewissheit das Risikomanagement verdrängt, bleibt keine Investition übrig. Es bleibt eine Narrative.
